Schlaun-Fest 2011

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Schlaun-Fest 2011 2019-05-08T18:17:26+02:00

Das Schlaun-Fest 2011 am 29.05. im Erbdrostenhof Münster

Auszug der Rede von Svenja Schulze, Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung

„… in Münster gibt es viele Gebäude, in denen man sich mit Fug und Recht treffen kann, wenn man einen Bezug zu Johann Conrad Schlaun herstellen will. Ich persönlich finde, der Erbdrostenhof ist einer der schönsten von ihnen. Und dieser Adelshof bietet auch einen würdigen Raum für die Premiere, die heute stattfindet.

Sie fragen sich vielleicht, was eine Wissenschaftsministerin auf einer Auftaktveranstaltung eines Wettbewerbs für Architekten und Ingenieure macht?

Erstens bin ich auch Münsteraner Landtagsabgeordnete – und stolz auf das ehrenamtliche bürgerschaftliche Engagement des Münsterländer Architekten- und Ingenieurvereins in Münster. Der Wettbewerb, der heute Premiere hat, hat Unterstützung verdient – und die Initiatoren großen Dank für ihre Initiative.
Zweitens gehört die Ausbildung der Fachleute aus den Bereichen Architektur, Stadtplanung, Bauingenieurwesen der verschiedensten Fachrichtungen und auch der Ingenieurinnen und Ingenieure der Versorgungs- und Energietechnik zu den Aufgaben unserer Technischen Universitäten und Hochschulen in NRW – und damit zu meinem Ressort. Das sind Ausbildungsgänge, die mir sehr am Herzen liegen.
Denn drittens – und das ist aus meiner Sicht besonders hervorzuheben – haben die Fachleute aus diesen Bereichen besondere Aufgaben für die Zukunft:

  • Sie gestalten unser unmittelbares soziales Umfeld: Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung werden wir z.B. neue Wohnformen brauchen.
  • Sie müssen mit den veränderten Klimabedingungen umgehen: Heiße Sommer in den Städten bedeuten auch immer höhere Überhitzungseffekte – wie kann städtebaulich ein Ausgleich dafür geschaffen werden?
  • Sie müssen Flächen einsparen: Die Neuentwicklung von Industriebrachen, Konversionsflächen und Umnutzungen von Gebäuden sind da ein großes Thema.
  • Sie müssen neue Konzepte zur Energieversorgung entwickeln: Eine stärkere Nutzung regenerativer Energien, dezentrale Energiekonzepte, Steigerung der Energieeffizienz durch Altbausanierungen stehen auf der Agenda.

Ich könnte die Liste der Herausforderungen, die durch externe Faktoren entstehen, mühelos weiterführen. Wichtiger als Vollständigkeit ist mir aber der Hinweis, dass all diese Fachleute sich damit beschäftigen, unsere Zukunft zu gestalten. Und zwar so, dass Menschen in ihr gut leben können.
Wir beschäftigen uns im Land zurzeit – auch in meiner Partei – intensiv damit, was heute gesellschaftlicher Fortschritt ist, und zu überlegen, wie wir Wachstum zukünftig definieren. Wir sind der Auffassung, dass technische Neuentwicklung und ökonomischer Erfolg nicht ausreichen, um von gelungenen Innovationen zu sprechen. Der Mensch muss im Mittelpunkt von neuen Entwicklungen stehen – deshalb wollen wir, dass künftig Qualität und Umwelt eine entscheidende Rolle spielen. Deshalb brauchen wir auch integrierte Konzepte: Gelingender Fortschritt muss immer auch gesellschaftlich wirksam werden und für den oder die Einzelne spürbar werden. Das heißt: Architektur und Ingenieurwissenschaften haben die Aufgabe, einen Teil der Perspektiven und Notwendigkeiten in die Realität umzusetzen, die wir in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion entwickeln. Dafür braucht man Neugier, Weitsicht, Kreativität, Durchhaltevermögen, Mut zu unkonventionellen Lösungen und die Fähigkeit, andere von der Lösung zu überzeugen. Dieser Wettbewerb ist deshalb die beste Art von anwendungsorientierter Nachwuchsförderung.
Baumeister Schlaun würde sich freuen:
Auch er hat sich mit ökologisch hochwertigen Umnutzungen beschäftigt – wenn man die Anlage der Münsteraner Promenade einmal so darstellen will. Auch er hat sich immer wieder neuen Aufgaben erfolgreich gestellt – und ist für Münster und Westfalen ein „Markenzeichen“ geworden: Die Kombination von gelungenen Gestaltungsmerkmalen mit überzeugender Funktionalität – das wünsche ich auch allen, die sich an den zukünftigen Wettbewerben beteiligen.
Und für Beteiligung haben Sie gesorgt – ich bin gespannt auf die Ergebnisse der Arbeiten, die schon im Wintersemester 2011/12 als Studienarbeiten durchgeführt werden können.

In rund einem Jahr wird der erste Preis des Schlaun-Wettbewerbs am Geburtstag Johann Conrad Schlauns verliehen.
Ich bin davon überzeugt, dass wir dann eine spannende, gelungene und integrierte Lösung für das bereits anvisierte Problem vorgelegt bekommen. Allen, die an dieser Initiative beteiligt sind oder es sein werden, wünsche ich viel Erfolg und die nötige Unterstützung.
Ich werde gern Ihre Ansprechpartnerin bleiben – und die gute Idee ins Land tragen – denn alle Erscheinungsformen von Baukultur sind unausweichlich – wie Bundespräsident Rau vor Jahren festgestellt hat: „Ein Buch kann man zuschlagen und weglegen. Musik kann man abschalten, und niemand ist gezwungen ein Bild aufzuhängen, das ihm nicht gefällt. An einem Haus aber oder an einem anderen Gebäude kann man nicht vorbei gehen, ohne es zu sehen. Architektur hat die größte sichtbare gesellschaftliche Wirkung.“

Grusswort zum 1. Schlaun-Fest
von Uni.Prof. Christa Reicher, Dekanin der Fakultät Raumplanung der TU Dortmund

Bauen ist eine Kulturleistung

Bauen ist nicht nur das technische Errichten von Gebäuden, sondern in erster Linie eine Kulturleistung. Denn die Geschichte und die Kultur einer Gesellschaft spiegeln sich immer in ihren Städten, ihren Gebäuden und ihren öffentlichen Räumen wieder. Dabei ist jedes neue Bauwerk Ausdruck von gesellschaftlicher Wertschätzung und Zukunftswünschen. Die Art und Weise, wie wir unsere Gebäude und Plätze benutzen und wie wir mit ihnen umgehen, drückt das eigene Selbstverständnis aus.

Unsere gebaute Umwelt stellt eine Art „kulturelle Kapitalanlage“ dar. Deshalb ist es notwendig, diese entsprechend zu gestalten und diese Qualität in einem hohen Maß aufrechtzuerhalten. Nur wenn dieser Anspruch eingelöst wird, kann die Werthaltigkeit eines Standortes und einer Immobilie langfristig gewährleistet werden.

Baukultur ist keine „Schöngeisterei“

Baukultur als Gestaltungsanspruch für das Objekt und als aktiver Prozess der Qualifizierung hat es im Augenblick nicht leicht.
Architekten und Stadtplaner werden oft mit Vorurteilen konfrontiert, wenn es um das Thema Gestaltung geht:

  • Qualitätvolle Gestaltung sei zu teuer. Deshalb müsse man sich mit qualitativ geringwertigen Gebäuden und öffentlichen Räumen abfinden.
  • Qualitätvolle Gestaltung sei rein subjektiv, eine Sache des individuellen Geschmacks. Deshalb wäre keine objektive Beurteilung möglich. Erlaubt sei schließlich, was gefällt!
  • Wenn jemand gewillt sei, in eine bestimmte Form von Gestaltung zu investieren, müsse diese folglich doch auch gut sein.

Diese Vorurteile werden häufig verwandt, um eine geringe Gestaltqualität zu rechtfertigen. Und in der Realität treffen sie meist nicht zu. Unsere gebaute Umwelt ist eine der wichtigsten Kapitalanlagen und somit als eine der langfristigsten Investitionen in die Zukunft unser Gesellschaft anzusehen.

Es stellt sich also  nicht die Frage, ob wir Gestaltung brauchen oder uns leisten können, sondern ob diese Gestaltung auch von einer entsprechenden Qualität ist und welche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, damit die gewünschte Gestaltqualität entstehen kann.

Wie erzielt man eine qualitätvolle Gestaltung?

Eine zentrale Voraussetzung hierfür ist, dass wir die angehenden Architekten, Stadtplaner, Ingenieure entsprechend ausbilden und aktiv in die Diskussion um und über Baukultur einbinden.

Genau hier setzt der Schlaun-Wettbewerb an, er fördert das Denken über die disziplinären Grenzen hinweg, ruft eine offene Diskussion mit den Akteuren in den Kommunen auf, stellt die Erwartung an ein hohes Maß an gestalterischer Qualität und Baukultur für das Erscheinungsbild unserer Städte. Dabei richtet sich der  Fokus auf eine Architektur, einen Städtebau, eine Konstruktion, die großen Wert auf die Alltagstauglichkeit legt, auf Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit, auf ihre Nutzbarkeit und gesellschaftliche Akzeptanz, auf die Wirtschaftlichkeit und nicht zuletzt auf die dem spezifischen Ort angemessene Gestaltqualität. Denn Baukultur kann als Prozess für ein Mehr an Lebensqualität verstanden werden.